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Heiligsprechung Jeanne d`Arc
Prof. Dr. Norbert Brieden / Katholische Theologie
Foto: privat
Dr. Wolfgang Grünstäudl / Katholische Theologie
Foto: privat


Jede Heiligsprechung braucht eine Lobby 

Vor 100 Jahren wurde die französische Nationalheldin Jeanne d´Arc heiliggesprochen. Die Theologen Prof. Dr. Norbert Brieden und Dr. Wolfgang Grünstäudl über Kanonisierungen und deren Bedeutung für den christlichen Glauben.

Bekannt unter dem Namen die Jungfrau von Orleans wurde die französische Nationalheldin Jeanne d`Arc (1412 – 1431) am 16. Mai 1920 heiliggesprochen. Wer war diese Frau?

Grünstäudl: Ich glaube, das Wichtigste ist, dass wir hier ein junges Mädchen haben, das auf die Weltbühne tritt und eine Rolle spielt, über die wir heute noch sprechen. Ihre Biographie ist klassischer Stoff, der ganz viele Menschen anrührt. Im Hinblick auf die historischen Zusammenhänge können Studierende da lernen, dass mindestens zwei Dinge zusammengehören. Zum einen die Biographie dieser einen Person und zum zweiten, die größere Konstellation, in der sie steht. Der 100jährige Krieg tobt zwischen Frankreich und England – und dann tritt eine Person auf, die in diesem gesamten politischen Kontext zu einem Katalysator wird.

Brieden: Die Rolle der Kirche ist hier auch sehr spannend, also wie Kirche in diesen Prozess hineinspielt. Kirche wird hier politisch instrumentalisiert. Der Bischof von Beauvais z. B.  hielt zu den Engländern. Und die hatten ein Interesse daran, dass Jeanne d´Arc als Häretikerin verunglimpft wurde, denn das, was sie getan hatte und wofür sie einstand, nämlich Frankreich von der englischen Besatzung zu befreien, machte den Engländern Angst. König Karl VII. hat zwar dann später, nachdem die Engländer alle das Land verlassen hatten, also 26 Jahre nach ihrem Tod die Rehabilitation angestrengt. Es wurde jahrelang ein aufwändiges, staatliches Verfahren in Gang gesetzt, es gab ja auch noch Zeitzeugen, und man hat sie dann auch rehabilitiert. Die gesamten Prozessakten dieser Zeit sind noch vorhanden. In Orléans gibt es ein ganzes Jeanne d`Arc-Archiv. Um zu beschreiben, wer diese Frau war, möchte ich eine Antwort von ihr während des Prozesses zitieren, der zu ihrer Verurteilung führte. Die ersten beiden Sätze dieser Antwort stehen auch im Katechismus der Katholischen Kirche. Sie wird gefragt, ob sie denn glaube, im Stand der Gnade zu sein…

Grünstäudl: Eine schöne Fangfrage…

Brieden: …genau, denn egal, was sie sagt, es ist verkehrt. Wenn sie sagt, sie ist im Stand der Gnade, ist sie überheblich und wenn sie sagt, sie ist nicht im Stand der Gnade, dann hat sie zugegeben, dass sie Häretikerin ist. Und die Antwort von einem 18 oder 19 Jahre alten Mädchen, das nicht lesen und schreiben konnte lautet:

„Wenn ich es nicht bin, möge mich Gott hineinversetzen. Wenn ich es bin, möge Gott mich darin erhalten. Ich wäre der traurigste Mensch auf Erden, wenn ich mich nicht in der Gnade Gottes wüsste. Wenn ich in der Sünde wäre, kämen die Stimmen nicht, denke ich. Möge doch jedermann das in Klarheit erkennen!“

Sie hat diese 60 Leute, die sie da befragt haben, fast zur Verzweiflung gebracht, weil sie immer sehr gute Antworten gegeben hat. Es war sehr schwer, sie irgendwo zu packen und letztendlich ist sie aufgrund eines Tricks, wenn man den Quellen glauben kann, auf den Scheiterhaufen gebracht worden. Weil man ihr ihre Frauenkleidung vorenthalten hat und nur Männerkleidung hinlegte, wurde dies als Anlass gesehen zu sagen, sie sei wieder rückfällig geworden. Denn zuvor hatte man sie Schriften unterschreiben lassen, die sie nicht verstand und ihr Angst vor dem Feuer gemacht, bis sie mürbe war. Dieses Geständnis widerrief sie, worauf man ihr die Männerkleidung hinlegte. Und dann wurde sie ja auch schließlich verurteilt.

Jeanne d`Arc (Miniaturmalerei eines unbekannten Malers, spätes 19. Oder frühes 20. Jahrhundert; ein zu Lebzeiten entstandenes Bild ist nicht überliefert)

Mit 13 Jahren hatte sie laut Gerichtsprotokollen die ersten Visionen. Kritiker behaupten, die Heiligen sind doch eigentlich Verrückte. Sie hören Stimmen, reden mit Tieren oder haben undefinierbare Schmerzen. Warum braucht die Kirche solche Helden?


Grünstäudl: Eine gute Frage. Vielleicht, wenn man sich die heutige Welt anschaut, ja selbst wenn ich mich in meiner privaten Umgebung umschaue, sehe ich durchaus Menschen, die mit Tieren reden und die ich deshalb nicht als „verrückt“ bezeichnen möchte. Ich kenne auch Menschen, die unter undefinierbaren Schmerzen leiden. Und auch das Hören von Stimmen ist nicht in allen Kulturkreisen zwingend ein psychopathologisches Phänomen. Was ich damit sagen will, die Normalität des menschlichen Erfahrungsspektrums sollte man nicht allzu schnell und zu eng fassen. Und die Vielfalt der Heiligen kann ein Spiegel für die Vielfalt des Menschlichen sein.

Brieden: Das ist auch das Faszinierende an diesen Heiligen. Wir hatten eine Bachelorarbeit über Symeon, den Säulensteher (389 – 459 n. Chr., erster christlicher Säulenheiliger. Er lebte als Einsiedler über mehrere Jahrzehnte auf einer Säule, um durch strenge Askese zu ständiger Gemeinschaft mit Gott zu finden. Anm. d. Red.). Das sind so interessante Figuren, die natürlich in ihrem Zusammenhang gesehen werden müssen, und die den Menschen damals etwas zu sagen hatten. Der hat nicht nur da auf der Säule gestanden, sondern die Leute sind zu ihm gepilgert, haben seinen Rat erbeten, haben sich mit ihm ausgetauscht. Das ist eben eine ganz andere Möglichkeit des Existierens, die wir heute gar nicht mehr im Blick haben. Diese Heiligen verkörpern das Prinzip, es könnte auch alles anders sein, und stehen für eine weitere Perspektive des Menschseins.     
Eine Tendenz unserer Zeit ist es, Meinungen, die nicht en vogue sind, oder Dinge, die uns nicht in den Kram passen, schnell mit dem Titel des Krankhaften zu versehen. Aber man vergibt sich Erkenntnischancen, wenn man vorschnell urteillt. Stimmen zu hören ist erst mal nichts Gewinnbringendes. Diese Stimmen, die Jeanne d`Arc gehört hat, waren ja konkret drei Heilige: der Erzengel Michael und zwei Heilige, nämlich Katharina und Margarete, zwei Märtyrerinnen, die auch relativ früh gestorben sind. Im Prinzip wiederholt sich in ihrem Leben das, was die Märtyrerinnen bereits erlitten haben. Sie fühlte sich von deren Stimmen beraten. Dem französischen König hat sie jedenfalls damit auf den Thron geholfen. Sie hatte ein klares Ziel, nämlich Frankreich zu befreien, das sie konsequent verfolgt hat. Es ist sehr beeindruckend, wie sie sich als einfaches Bauernmädchen so penetrant Gehör verschaffte, bevor sie überhaupt zum König vorgelassen wurde. Diese ganzen Prüfungen, die sie über sich ergehen lassen musste. Wo Gelehrte und Theologen sie erst einmal interviewt haben. Wo geguckt wurde, ob sie wirklich Jungfrau war. Die Jungfräulichkeit war wichtig, weil man glaubte, dass sich der Teufel durch die Körperöffnung der Frau Eingang verschafft. Wenn sie also nicht mehr jungfräulich gewesen wäre, wäre das womöglich ein Zeichen dafür gewesen, dass sie von einem bösen Geist besessen wäre, und das wollte man, aus dem damaligen Verständnis heraus, ausschließen.

Grünstäudl: Da haben wir wieder diesen Rückkopplungseffekt zwischen dem gesamtgesellschaftlichen Kontext, zwischen der Großkonstellation und dem Individuum. Kirchengeschichtsdidaktisch ist das ein ungemein ergiebiges Spannungsfeld. Gerade im schulischen Unterricht lässt sich der Fokus auf die Einzelperson nutzen, weil es möglicherweise spannender ist, über Jeanne zu sprechen, als über den 100jährigen Krieg. Heilige stellen immer die Frage: Was zählt jetzt wirklich im Leben? Wofür lohnt es sich zu leben? Manchmal sind das auch Entscheidungen, die man heute nicht wiederholen möchte. Es gibt uns immer wieder einen Anstoß zu fragen, was in meinem Leben wichtig ist. Und in Krisenzeiten wie den unsrigen geht es besonders darum: Worauf kann ich verzichten? Worauf kann ich nicht verzichten oder wofür, wenn ich es ganz hoch hängen darf, bin ich denn bereit zu sterben?

Heiligsprechungen haben immer auch politische Hintergründe. So wurde Hildegard von Bingen (1098 – 1179) erst 1584 in den Kanon der Heiligen aufgenommen, weil das Mainzer Domkapitel im 12. Jahrhundert nicht akzeptieren wollte, dass Rom die Heiligsprechung als alleiniges Recht beanspruchte. Was war der Grund dafür?

Grünstäudl: Was uns der Fall zeigt, ist, dass jede Heiligsprechung eine Lobby braucht. Es braucht einen Bedarf, dass jemand Heiliger wird.Es braucht Leute, die sich dafür einsetzen. Das Beispiel Hildegard von Bingen zeigt, dass nicht jedes Interesse, das an einer Heiligsprechung besteht, in der Person selbst begründet sein muss, obwohl man bei ihr am Ende auch nicht unglücklich war, dass sie zu diesem Kreis der Heiligen gehört. Es muss eine irdische Gemeinschaft da sein, die sich für den/die Heiligen einsetzt.

Brieden: Wichtig ist sicher auch, warum es diesen römischen Zentralismus bei der römisch-katholischen Kirche gibt. Rom beansprucht das alleinige Recht zu bestimmen, wer selig- oder heiliggesprochen wird. Das hängt sicher auch mit der Sorge zusammen, dass schnell aus einem regionalen Bedürfnis heraus, ohne umfangreiche Prüfung, jemand in den Kanon aufgenommen werden könnte. Zwar will auch Papst Franziskus heute die Rolle der Ortskirchen stärken, aber wohl nicht in Bezug auf die Heiligsprechungen.

Grünstäudl: Was man sicher sehr gut sehen kann, und das kennen wir auch aus säkularen Kontexten, ist, dass Institutionen dazu neigen, Kompetenzen, die man ihnen zuerkannt hat, nicht mehr freiwillig abzugeben. Von oben nach unten ist es schwieriger, Dinge wieder zurückzugeben.

Heiligsprechungen sind teuer: Antragsteller müssen 50.000 Euro übernehmen, die Bearbeitungsgebühr beläuft sich gar auf 250.000 Euro. Wie läuft so etwas heute ab?

Grünstäudl: So weit ich sehe, gibt es keine offizielle Statistik, wie teuer Verfahren im Durchschnitt sind. Die angesprochenen Kosten unterstreichen nochmals den Punkt, dass es irdischer Unterstützer bedarf. Auch wenn Kirche und Geld mitunter ein heikles Thema ist, so ist doch auch nachvollziehbar, dass Gutachten, Übersetzungen, Dokumentationen etc. zu gewissen Kosten führen.
Das Verfahren selbst ist gestufte. Erst ist man ein ehrwürdiger Diener, oder eine ehrwürdige Dienerin, dann gibt es die Seligsprechungen und dann die Heiligsprechungen. Ein solches formalisiertes Verfahren benötigt zwar Zeit, doch das ist nicht unbedingt schlecht. Es kann auch helfen, über Dinge noch einmal gründlicher nachzudenken, Quellen anders zu bewerten und die Sorge zu minimieren, ob vielleicht doch noch ein Punkt erscheint, der die betreffende Person in ein schlechtes Licht rückt.

Prof. Dr. Norbert Brieden (Zoom-Ausschnitt)

Brieden: Wir haben ja in der römischen Kirche die starke Tradition, Dinge rechtlich zu fassen. Das hat manchmal Nachteile, denkt man an die ganzen Scheidungsverfahren, die sich dann auch sehr lange hinziehen können. Es hat aber bei den Heiligsprechungsverfahren den Vorteil, dass es eine Art Gerichtsprozess gibt, mit Staatsanwalt und Rechtsanwalt. Man spricht da von Advocatus Diaboli, also einer, der genau die kritische Perspektive einnimmt und fragt: Ist das nun wirklich heilig? Der auch nach den dunklen Seiten schaut und bewertet, ob das noch zu akzeptieren ist, weil das ja auch zum Menschsein dazugehört. All diese Dinge werden dann genau geprüft.


Grünstäudl: Das ist wieder ein kirchengeschichtsdidaktisch ganz wichtigen Punkt. Ein Heiliger, eine Heilige, ist nicht von der Wiege bis zur Bahre ein perfekter Mensch, sondern die Gesamtbilanz seines Lebens sieht für uns, aus der Außenperspektive, so aus, als sei dieses christliche Leben gelungen. Es stellt somit einen Orientierungswert dar. Gerade mit Studierenden spreche ich gerne über Martin von Tours, (Begründer des abendländischen Mönchtums, Anm. d. Red.) den heiligen Martin. Wenn man dessen Lebensbeschreibung (Vita), die von einem Zeitgenossen geschrieben wurde, liest, dann wird man belehrt, Martin habe nichtchristliche Kultorte zum Teil mit blanker Gewalt zerstört. Das ist sicherlich nicht etwas, an dem wir uns heute orientieren wollen; dennoch wird niemand fordern, Martin aus dem Heiligenkalender zu streichen.

Wer kein Märtyrer ist, muss mit Wundern dienen. Im Falle Papst Johannes Paul II. waren dies Heilungen zweier Frauen, die die Kirche anerkannte und zur Selig- und -unter Aussetzung der eigentlichen Fünfjahresfrist- zur schnelleren Heiligsprechung führten. Wollte man damit einen Jahrhundertpapst hervorheben?

Grünstäudl: „Jahrhundertpapst“ trifft es auf jeden Fall. Unabhängig davon, wie man sein Pontifikat bewertet, sind besonders die Santo-Subito-Rufe (sofort heilig) bei seiner Beerdigung spannend. Also der Umstand, dass jemand für Gläubige offensichtlich ein Heiliger ist. Die Menschen, die Santo-Subito rufen, brauchen kein Verfahren. Hier wird jemand als Vorbild gesehen, den man als Heiligen verehren möchte.

Brieden: Die Sache mit den Wundern sehe ich auch problematisch. Wenn man irgendetwas Übernatürliches braucht, hadert man als Wissenschaftler leicht. Trotzdem ist es eine Möglichkeit, sich vorschneller Urteile zu enthalten und noch einmal zu prüfen, was denn jetzt diese Anerkennung dieser Person als heilig bewirkt. Inwieweit ist das denn auch „heilswirksam“ für Menschen, diese Person als Heiligen anzuerkennen? Man kann es vielleicht daran sehen, dass diese Anrufung des Heiligen, oder dieses Denken an den Heiligen etwas bewirkt, das wir naturwissenschaftlich nicht erklären oder noch nicht erklären können. Bei Mutter Theresa war es so, dass 2002 auch schon eine Wunderheilung diagnostiziert wurde. Dann wurde aber alles noch einmal geprüft und festgestellt, dass die Frau gar nicht sterbenskrank war. Deshalb hat das bei Mutter Theresa auch so lange gedauert. Sie ist dann 2016 heiliggesprochen worden, nachdem eine andere Heilung anerkannt wurde. Aber was wird bei einer Wunderheilung überhaupt festgestellt? Es wird festgestellt, dass mit unserem heutigen medizinischen Wissen diese Heilung nicht kausal erklärbar ist, mehr nicht. Und natürlich spielen da auch Placebo-Effekte eine Rolle. Ich wende mich an einen Heiligen, fühle mich getröstet und gestärkt und das kann auch einen heilenden Prozess auslösen. Ich finde, das steht außer Frage.

Dr. Wolfgang Grünstäudl (Zoom-Ausschnitt)

Grünstäudl: Was ich an diesen Wundereffekten besonders interessant finde, ist, welcher Logik man sich hier bedient. Man fragt nach naturwissenschaftlichen Gründen. Doch: Wenn man sich verliebt, kann man das auch sehr genau biochemisch erklären. Das nimmt aber dem Erlebnis, sich zu verlieben, überhaupt nicht den Zauber. Beides sind ganz verschiedene Perspektiven.

Brieden: Es ist einfach der Versuch, Objektivität zu konstruieren und eine Art Sicherheit zu inaugurieren, dass wir diese Person mit Fug und Recht als heilig anerkennen. Theologisch steckt noch viel mehr dahinter, nämlich, dass jede Person zur Gemeinschaft der Heiligen gehört. Wir glauben ja an die Gemeinschaft der Heiligen und sagen das auch im Glaubensbekenntnis. Es sind nicht nur die heiliggesprochenen Menschen gemeint, sondern eigentlich alle Glaubenden, die in der Perspektive leben, wie der Evangelist Matthäus Jesus in der Bergpredigt sagen lässt: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

Also sind wir als Gemeinschaft der Heiligen alle heiliggesprochen von Gott. Und was in diesem Akt der Heiligsprechung zum Ausdruck kommt, ist, dass jeder Mensch zur Heiligkeit berufen ist und von Gott her auch zu dieser Gemeinschaft gehört.
Jeanne d`Arc wurde erst 1909 selig und 11 Jahre Später heiliggesprochen. Warum hat man bei ihr solange gewartet?


Grünstäudl: Wir können wieder zur Lobby zurückkehren. Wir haben eben schon angesprochen, es gab relativ zeitnah ein Rehabilitationsverfahren und auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es ein aufwändiges Verfahren. Wir bewegen uns kurz nach dem Ersten Weltkrieg, Frankreich gilt als siegreicher Verlierer dieses schrecklichen Ereignisses und es besteht eine besondere Motivation, diese Nationalheldin wieder hervorzuheben.

Brieden: Der Seligsprechungsprozess wurde 1869 durch den Bischof von Orléans eingeleitet – also aus dem regionalen Bedürfnis heraus, dass eine Frau, die dort bereits wie eine Heilige verehrt wurde, in diesem Status von der gesamten Kirche anerkannt wird. Dann hat es 40 Jahre gedauert, bis man alles geprüft hatte, um sie dann 1909 selig zu sprechen. Und auch bei der Wirkungsgeschichte ist mir aufgefallen, dass diese Person wirklich in allen Medien aufgegriffen wurde. Das Medium Film entwickelt sich gerade erst Anfang des 20. Jahrhunderts, und noch bevor dieses Medium richtig Erfolg hat, gibt es schon ungefähr zehn Filme aus unterschiedlichen Ländern über Jeanne d`Arc. Bis in die Gegenwart fasziniert diese Frau.

Sind Heiligsprechungen eigentlich heute noch zeitgemäß?

Brieden: Ich habe mir dazu sehr viele Gedanken gemacht. Dieser ganze Heiligsprechungsprozess, das, was wir über die Wunder auch schon gesagt haben, zeigt, dass es Anachronismen gibt. Aber was zeitgemäß ist und auch bleibt, ist meines Erachtens, dass wir als Menschen Menschen brauchen, die mit ihren Lebensbildern etwas aufzeigen von dem, für das es sich zu leben lohnt. Man hat solche Persönlichkeiten, die für eine Sache brennen. Sprichwörtlich ist Jeanne dafür verbrannt worden, weil sie für die Einheit der Nation eingetreten ist, für eine Befreiung von der Besatzung, und zwar aus einem geistlichen Impuls heraus, durch die Stimmen, die sie gehört hat. Ich habe einen Text von Barbara Sichtermann gelesen, die hervorhebt, dass Jeanne über dieses Innere, also die Stimmen, die sie gehört hat, wenig im Prozess gesagt hat. Sie hat diese geistlichen Erfahrungen gemacht, diese Stimmen aber nicht erklärt, da es ihr von ihnen verboten war. Und an dieser Diskretion hat sie bis zum Schluss festgehalten, was ihre eigene mystische Erfahrung anbetrifft. Das hat ihr aber zum Nachteil gereicht, denn sie hat die Deutungshoheit ihrer Erfahrungen nicht aus der Hand gegeben, dem sie verhörenden Priester keine spirituelle Macht über sie zugestanden. Scheinbar hat diese mystische Erfahrung ihr eine innere Kraft verliehen, dem Prozess so standzuhalten. Diese These leuchtet mir ein. In Bezug auf die Aktualität ist auch die Urteilsbegründung spannend. Ich zitiere:

„Wann immer der Irrglaube mit seinem verpestenden Gift ein Glied der Kirche ansteckt und in ein Glied des Satans verwandelt, so muss man mit brennendem Eifer verhindern, dass die gefährliche Ansteckung auch auf andere Teile des mystischen Leibes übergreife. So erkennen wir Euch Jeanne d`Arc der Exkommunikation verfallen, der Ketzerei und der Teufelsanbetung für schuldig.“

Dieses Bild der Ansteckung, dass gerade in der aktuellen Corona-Pandemie eine ganz andere Bedeutung hat, wird hier genutzt, um ein Todesurteil zu legitimieren, um einen Virus, den Virus des Unglaubens zu verhindern. Ich habe in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Christ in der Gegenwart“ vom 26. April einen Bericht mit dem Titel „Das gefährlichste Virus“ gefunden. Darin heißt es: „Am gefährlichsten ist in unserer Zeit das Virus einer säkularen Entchristlichung.“ Das sagte der ökumenische Patriarch Bartholomäus I. von Konstantinopel bei den orthodoxen Auferstehungsfeierlichkeiten. Das Bild der Ansteckung mit einem Virus ist aktuell. Und da kann man auch heute kirchendidaktisch aus diesem Prozess der Jeanne d`Arc lernen. Es geht in der Heiligendidaktik nicht darum, jemanden als unerreichbares Idol aufzustellen, sondern zu zeigen, es gibt bestimmte Punkte, die für mich heute relevant sind. Und trotzdem sind es keine seltsamen Typen, die unerreichbar sind, es sind Menschen wie du und ich.

Grünstäudl: Ich denke, dass sich auf Heiligsprechungen nicht verzichten lässt, weil der Mensch, gerade auch der religiöse Mensch, nach Vorbildern sucht. Es ist die Aufgabe von Theologie, dieses Bedürfnis zu reflektieren, einzuordnen und kritisch zu begleiten.

Brieden: Es erweitert unseren Blickwinkel. Menschen, die in ihrem Leben zeigen, es könnte doch auch anders gehen. Und diese Heiligsprechungen, diese Kanonisierung, spricht es noch einmal für alle deutlich aus. In der Vielfalt der Heiligen zeigt sich, dass es nicht den einen für alle gültigen christlichen Lebensweg gibt.
Grünstäudl: Die österreichische Pop-Rock-Band STS bringt es mit einer Ballade an den Großvater, einem Menschen wie du und ich, exakt auf den Punkt: "Du worst ka Übermensch, host a nie so tan, /G'rod desweg'n wor da irgendwie a Kroft/Und durch die Ort, wie du dei Leb'n g'lebt host, /Hob i a Ahnung 'kriagt, wia ma's vielleicht schofft".

Uwe Blass (Gespräch vom 29.04.2020)


Prof. Dr. Norbert Brieden lehrt Religionspädagogik/Katechetik und Didaktik des Katholischen Religionsunterrichts an der Bergischen Universität.

Dr. Wolfgang Grünstäudl lehrt biblische und historische Theologie an der Bergischen Universität.