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Prof. Dr. phil. Helmke Jan Keden
Foto: UniService Transfer


Chormusik und Computerspiel?

oder: Wie Prof. Dr. Helmke Jan Keden Musik aus der Lebenswelt Jugendlicher didaktisch nutzbar macht

Seit fünf Monaten ist er nun an der Bergischen Universität und sprüht vor Elan. Die Rede ist von Professor Dr. Helmke Jan Keden, Musikpädagoge an der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften. Sechs Jahre unterrichtete er an einem Gymnasium in Hilden, bevor er sich entschloss, seine Hochschulkarriere zunächst als Universitätsprofessor in Köln und nun in Wuppertal fortzusetzen. Heute steht er auf der „anderen“ Seite und weiß, was Schule braucht: Zukünftige Lehrerinnen und Lehrer müssen heute grundsätzlich Allrounder und insbesondere im Fach Musik künstlerisch versiert sowie musikwissenschaftlich und musikpädagogisch vielseitig ausgebildet sein.

Wir vermitteln Kompetenzen zur Selbständigkeit

Mit Musik kompetent umgehen zu können, hält Keden für eine wichtige Kulturtechnik, genauso wichtig wie Lesen und Schreiben: „Es war noch nie so viel Musik in unserer Welt wie jetzt. Allein durch die steigende Medialisierung spielt Musik bei vielen Menschen eine immer größer werdende Rolle. Alleine das Hören von Musik nimmt von Jahr zu Jahr zu. Ebenso wird aber auch immer mehr musiziert, wenn auch nicht unbedingt im konventionellen Sinne. Warum sollte es dann nicht wichtig sein, dass man in diesem Bereich kompetent ist? Darin sehe ich eine wichtige Aufgabe in der Lehrerausbildung!“

Die Fähigkeiten zum selbständigen Agieren im musikalischen Bereich sollten schon von Kindesbeinen an gefördert werden. Daher seien Förderprogramme in dieser Altersstufe besonders wichtig. So hält Keden die breit angelegte musikalische Früherziehung in Kindertagesstätten und der Musikschule genauso wie Förderprogramme in den Grundschulen für enorm wichtig. Doch hier gibt es Probleme. Beispielsweise wird in der Erzieherausbildung Musik kaum noch als Ausbildungsfach angeboten. Eine Folge davon kann u.a. ein zu tiefes Singen der Lehrkräfte und Kinder in den Kitas sein, ebenso auch von ungelernten Kräften in den Grundschulen. „Ca. 80% des Musikunterrichtes wird dort fachfremd unterrichtet“, moniert Keden, „und viele dieser Lehrer singen eben häufig in ihrer bequemen Lage, was für Kinder viel zu tief ist und Stimmschäden zur Folge haben kann.“ Der Personalmangel ist sicherlich nur mittelfristig zu entschärfen. Kurzfristig helfen in Wuppertal zum Glück außerschulische Förderprogramme, wie z.B. die „SingPause“ der Bergischen Musikschule: Zwei Mal wöchentlich kommen professionelle Gesangsdozenten an die Schulen und singen mit den Kindern. Singend erarbeiten Singleiter und Kinder musikalische Grundkenntnisse sowie ein breites, internationales Liederrepertoire. Während der „SingPause“ bleiben die Grundschullehrer im Klassenraum und profitieren ebenfalls vom fachqualifizierten Singen.

Musik aus der Lebenswelt der Jugendlichen nutzen

„Wenn ich in eine Schulklasse käme und sage, ich spiele euch mal das Mozartstück XYZ vor und danach reden wir darüber, wären viele Schüler nur noch physisch anwesend“, sagt Keden und plädiert dafür, die Aufforderung aus den Lehrplänen umzusetzen, nach denen auch Musik aus der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen genutzt werden soll. Und diese besteht nicht nur aus Popmusik, sondern ist in einigen Bereichen auch klassisch konnotiert. Nur findet die (Selbst-)Sozialisation mit sog. klassischer Musik bei Schulkindern nicht überwiegend dadurch statt, dass sie in die Stadthalle oder in die Oper gehen. Daher plädiert Keden dafür, die neuen medialen Zugänge für Vermittlung der traditionelleren Musikgenres didaktisch zu nutzen: „Wenn man Schülern vor Augen führt, dass mittlerweile viele klassisch ausgebildete Komponisten hauptsächlich für Filme und Videogames Musik schreiben und dies an konkreten Beispielen demonstriert oder sogar im Unterricht selbst für diese Medien Musik schreibt, schwindet die Hürde, sich aktiv mit diesem vermeintlich komplizierten Genre auseinanderzusetzen.“

Neben der klassischen Orchester- und Chormusik, für die der ausgebildete Hornist viele schulische Anwendungsmöglichkeiten erarbeitet hat, ist Keden aber auch daran interessiert, die Möglichkeiten der Mediatisierung auf ihren Nutzen für einen zukunftsweisenden Musikunterricht zu überprüfen: „Was muss ich zum Beispiel beim Erlernen virtueller Instrumente bedenken? Wenn ein Schüler mit seinem iPad stolz zu mir kommt, und sagt: „Schauen Sie mal, was ich hier geschrieben habe,“ dann sind das ja auch musikalische Fertigkeiten, die man nicht außer Acht lassen darf und für den Musikunterricht evtl. von Nutzen sind.“

Historische und aktuelle Phänomene des Singens

Insbesondere der Sing- und Chorforschung hat sich Keden verschrieben. So hat er z.B. die Gründe für das zwischenzeitliche Verschwinden des Singens in den Schulen in vielen Publikationen erklärt. Sein Artikel „Die Gleichschaltung des Chorgesangs im „Dritten Reich““*** ist nur ein Beispiel seiner Auseinandersetzung mit diesem Thema. „Was mich damals interessiert hat, war, dass wir das Singen heute immer als etwas Positives darstellen. Aber wie wurde und wird heute noch Gesang in Ideologien und Diktaturen eingesetzt? Wie dies im Dritten Reich umgesetzt wurde, habe ich im Rahmen meiner Promotion untersucht.“ Nach anfänglicher Umorganisation und Gleichschaltung entstanden später eine ganze Reihe von Werken, eine bestimmte Form der Musikpraxis, ja, ein eigener Musikstil, welcher die Massen beeinflussen sollte. „Und dies wiederum war dann ein wichtiger Grund für die große musikalische Krise des Singens nach 1945“, führt Keden weiter aus, so dass das Singen fast aus den Schulen verschwand. Glücklicherweise trat vor ca. 10 Jahren die Trendwende ein und der praktische, reflektierte Umgang mit dem Singen, ob professionell oder im Laienbereich, nimmt wieder stark zu. Das ist gut, denn die Fähigkeit des Singens ist einzigartig und sollte weiter untersucht werden. „Lieder, die wir in der Kindheit singen, vergessen wir nicht“, erklärt er und aus der Demenzforschung weiß man, dass Menschen, die nicht mehr sprechen können, das Singen nicht verlernt haben. So laufen beim Singen in unseren Gehirnarealen bestimmte Prozesse ab, die noch der weiteren Erforschung harren.

Chormusik in Stummfilmen

Ein aktuelles Projekt des international vernetzten Chorforschers ist scheinbar ein Wiederspruch in sich. Professor Keden beschäftigt sich darin mit der Chormusik der Weimarer Republik in Stummfilmen(!). Die großen Laienchorverbände, weiß er zu berichten, waren zu dieser Zeit riesig, Zahlen sprechen von bis zu 1 Mio. Mitgliedern, und hatten eine enorme gesellschaftspolitische Bedeutung, die auf großen Sängerfesten zur Schau gestellt wurde. Trotz enormer Kosten entschieden sich die Chorverbände zusätzlich für die Produktion des neuen, noch stummen, Massenmediums. Dessen Gestaltungstechniken und Intentionen zu erforschen, ist das Ziel von Keden und seinem Team.

Doch nicht nur im historischen Bereich, sondern auch aktuelle Phänomene innerhalb der Chor- und Singforschung faszinieren Keden. So stellt er fest, dass heute weniger die Melodie die wesentliche Rolle für den Erfolg eines Popsongs spielt, als vielmehr der Sound, also der gesamte Kontext, der mit der Stimme eines Künstlers suggeriert werden soll. Dazu ein Beispiel: „Wenn man sich vorstellt, dass bei einem Studioalbum, sagen wir Madonnas Confessions on a Dance Floor, mittlerweile bis zu 150 Personen an dem Klang der Stimme arbeiten, dann ist das, was vermittelt werden soll, nicht mehr die ursprüngliche Stimme, sondern ein Sound, der viel wichtiger als die Melodie des Songs oder die ursprüngliche Stimme der Sängerin ist und wesentlich mehr Inhalte vermitteln soll.“

So ist es möglich, dass sich Menschen über Generationen hinweg mit einzelnen Künstlern oder Bands identifizieren können, ja ihr Sound z.T. so verändert oder erweitert wird, dass er sogar von unterschiedlichen Generationen gerne gehört wird. „Es ist interessant, wenn sie sich Konzerte anhören von Bands, die schon lange dabei sind, z.B. wie den Rolling Stones. Da gehen mittlerweile drei Generationen hin. Da sind dann Oma und Opa, Mama, Papa und die Kinder da und alle fühlen sich von diesem Event angesprochen, eben nur auf unterschiedliche Art und Weise.“

Ganz besonders dann, wenn die Songs mit Erinnerungen an persönliche Erlebnisse in Verbindung stehen, funktioniert das musikalische Gedächtnis außerordentlich gut.

„Dies zeigt doch“, so Kedens Fazit, „dass Musik eine unwahrscheinlich hohe Bedeutung in unserem Leben einnehmen kann. Wie kaum ein anderes Medium verbinden sich bei der Beschäftigung mit ihr in uns Rationalität und Emotionalität. Hierfür junge Menschen kompetent zu machen, das ist mein Transfer-Job.“

Uwe Blass (Gespräch vom 28.07.2017)


*** Freiheit & Unterdrückung. Die Gleichschaltung des Chorgesangs im „Dritten Reich“ zwischen Freiwilligkeit und Zwang. In: Brusniak, Friedhelm; Klenke, Dietmar: Vom Freiheitskampf zur Freizeitgestaltung. Katalog zur Jubiläumsausstellung 150 Jahre Deutscher Chorverband 1862-2012. Berlin, Deutscher Chorverband 2012. S.14-17.


Jahrgang 1974, Lehramtsstudium der Unterrichtsfächer Musik und Deutsch an der Bergischen Universität Wuppertal und der Universität Dortmund, 2002 Promotion. 2002 bis 2004 Referendariat, bis 2011 Studienrat i. K. am ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Hilden, dort Ensembleleiter an der städt. Musikschule sowie Lehrbeauftragter an der Bergischen Universität Wuppertal; 2011 bis 2017 Professor für Musikpädagogik an der Universität zu Köln; seit 2017 Professor für Musikpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal.