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Prof. Andreas Kalweit / Industrial Design
Foto: UniService Transfer

Ein Teil der Gesellschaft lebt „am Rande“

Prof. Andreas Kalweit über ein Designprojekt für bedürftige Menschen

„Wir hatten eine Frau“, berichtet Andreas Kalweit, Professor für Manufacturing & Material Science der Fakultät Design und Kunst an der Bergischen Universität, „die kam aus gut situierten Verhältnissen in Düsseldorf. Sie hat in der Kindheit nie Grenzen gezeigt bekommen, hat Ihre Grenzen immer weiter ausgereizt und ist in die komplette Drogensucht abgerutscht. Mit 53 Jahren ist der Körper kaputt. Aber sie hat die schwere Sucht überwunden, ist immer noch in einem Methadonprogramm und geht heute in die Schulen, um Jugendliche aufzuklären. Und das tut sie auf eine Art und Weise, die nicht betroffen macht, sondern zeigt, auch sie ist ein Teil der Gesellschaft.“

„Am Rande“ heißt das vom In-Institut Visionlab finanzierte Projekt, dass Kalweit mit seiner Kollegin Dipl. Des. Anne Kurth in Kooperation mit der Hochschule Düsseldorf initiierte. Im Fokus standen dabei Menschen, die aufgrund ihres sozialen Status als am Rande der Gesellschaft klassifiziert werden. „Unsere Studierenden lernen methodisch von den Grundlagen über die Methoden bis zu den realen Projekten den Designprozess kennen. Ab dem dritten Semester haben wir regelmäßig solche Drittmittelprojekte und die werden mit den Entwurfsprojekten verbunden“, erläutert der gebürtige Krefelder die Herangehensweise. Ziel des Institutes ist die Entwicklung visionärer, zukunftsweisender und innovativer Produkte und Services, die Perspektiven für die technologischen, gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen der mittel- und langfristigen Zukunft formulieren.

Designer*innen können sich gut eindenken

Eine gute Voraussetzung für dieses besondere Projekt war die andere Herangehensweise des Designers. „Ich glaube, dass sich Designer*innen gut eindenken können“, erklärt Kalweit, denn, „wir designen nicht einfach irgendetwas Schönes, sondern wir schauen erst einmal, ob überhaupt ein Bedarf da ist!“ Daher gehöre zur methodischen Vorgehensweise auch die Einbindung der Zielgruppen sowie Recherche und Interviews, um immer wieder die Wahrnehmung zu schulen und neue Denkweisen zu entwickeln.

Streetworker meets Designer

Die Projektidee „Am Rande“ begann mit einer alten Freundschaft, mit zwei Männern, die sich in ihrer Freizeit über Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit unterhielten. Der eine, Andreas Kalweit, Designer, der andere, Thomas Tackenberg, Sozialarbeiter und Streetworker. Zwei Professionen, die man schwer zusammendenken kann. Aber weit gefehlt. „Da denkt man dann gar nicht an Produkte“, sagt Kalweit, „aber, wenn wir über konkrete Probleme gesprochen haben, dachte ich, dass man dazu auch gestalten kann.“ Sein Freund, ein diplomierter Sozialarbeiter, der an der Hochschule Düsseldorf lehrt, arbeitet mit Suchtkranken, Prostituierten und Obdachlosen tagtäglich an der Basis. Die Problemlagen sind dort vielfältig. Vom Behördengang, über die tägliche Versorgung bis zu Übernachtungsmöglichkeiten gibt es diverse Abläufe, die kompliziert oder zumindest verbesserungsfähig sind.
Mit knapp 50 Teilnehmern startete die Düsseldorf-Wuppertal-Kooperation im Sommer 2019 mit einer neuerarbeiteten Vorgehensweise, denn ein Produkt habe auch immer soziale Komponenten, sagt Kalweit, es interagiere mit der Umwelt oder dem Menschen und müsse vor allem eines sein: sinnvoll!

Städtische Wasserspender und Behörden-App

Eine behutsame Vorgehensweise war das A und O, und so setzten sich die Studierenden zunächst intensiv mit der Situation von Obdachlosen, Suchtkranken und Prostituierten auseinander. Durch die Vermittlung des Streetworkers, der die Menschen seit Jahren betreut, wurde der Kontakt hergestellt und in Kleinstgruppen Interviews geführt. Dazu besuchten die Teams über fünf Monate jeden Montag Einrichtungen, lernten die Bedürftigen kennen und bauten Vertrauen auf. „Wir haben Interviews mit Betroffenen geführt, wir haben Stadtführungen mit Obdachlosen gemacht, Prostituierte und Suchtkranke begleitet“, berichtet Kalweit, „und dabei immer wieder die Lebenssituation hinterfragt.“ So erkannten die Teams nach und nach die Bedarfe, die es zu gestalten galt. Ideenansätze ergaben sich z.B. in Überlegungen zu Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose, denn „die werden in der Regel überall weggesperrt“, sagt Kalweit, die Städte seien für diese Menschen eher lebensfeindlich. „Das sind harte Bedingungen, denn die Plätze werden nach kurzer Zeit immer mal wieder geräumt. Es gibt keine guten Konzepte, wo die Menschen wirklich leben könnten und die Orte, die zur Verfügung gestellt werden, sind so weit von deren Wirkungsfeld entfernt, dass sie nicht genutzt werden.“
Ein weiteres zu lösendes Problem stellen fehlende Wasserspender dar, die es in vielen deutschen Städten nur marginal oder gar nicht gibt. „Obdachlose dehydrieren extrem im Sommer, haben nicht ausreichend Möglichkeiten sich zu waschen“, sagt Kalweit und das sei ein wichtiger Bedarf. So entwickelte ein Student ein Model, dass auf das bestehende Wassernetz der Unterflurhydranten sowie auf den Strom der Straßenlaternen zurückgreift und so die vorhandene Infrastruktur nutzt. Der dazu gestaltete Wasserspender ließe sich nach Bedarf auch abbauen, warten und ggfls. an anderer Stelle wieder aufbauen. Das gesamte Konzept incl. Businessplan liegt in Form einer aussagekräftigen Dokumentation der Fakultät vor.
Ebenso der Kontakt zu Behörden mit den oft unverständlichen Formschreiben, die weder der fremdsprachige Flüchtling noch der Wohnungslose versteht, könnten durch Gestaltung übersichtlicher werden. „Da haben zwei Masterstudierende ein mehrstufiges Modell entwickelt“, berichtet der Wissenschaftler begeistert. Da die meisten Obdachlosen ein Handy besäßen, entwickelten die Studierenden eine Kommunikations-App, die den leichten Kontakt zu Sachbearbeitern von Behörden zuließe. In der Kontaktaufnahme mit Verwaltungsfachleuten mussten sie aber auch erkennen, dass die vorhandenen Strukturen eine Verbesserung nicht unbedingt wünschten. „Da merkt man erst mal, wie tief man in Systeme eingreifen muss“, resümiert Kalweit.

Wir gucken immer weg. Wie kann man wieder hingucken?

In der Auseinandersetzung mit Menschen am Rande der Gesellschaft stellte sich das Team immer wieder die Frage, wie man den Kontakt zwischen Randgruppen und der Gesellschaft wieder herstellen könne. „Wir gucken immer weg“, sagt Kalweit, und fragt: „Wie kann man wieder hingucken?“ An dieser Stelle leisten die Projekte der beiden Hochschulen einen hilfreichen Beitrag, denn neben den bereits genannten Konzepten wurden auch Schutzräume, in denen man geordnet, ohne Angst zu haben, beraubt zu werden, leben kann sowie praktische, unauffällige Aufbewahrungsmöglichkeiten für die wichtigsten Habseligkeiten, die eng am Körper anliegen und so einen Diebstahl im Schlaf verhindern, konzipiert. Selbst für die vierbeinigen Begleiter vieler Wohnungsloser entstand ein Konzept. Die sogenannte „Strolchbox“´, eine zweigeteilte Flasche, deren Silikonummantelung umgeklappt als Fress- und Trinknapf verwendet wird, ist zudem noch mit einem Multifunktionskarabiner versehen, der auch gleichzeitig Zecken entfernen kann.
Alle Projekte sind in einer limitierten Dokumentation zusammengefasst, die umfassend zeigt, mit welchen Ansätzen bestehende Probleme gelöst werden könnten. „Damit kann ich dann auch in die Politik oder zu Behörden gehen“, erklärt Kalweit, „ich kann zu Firmen gehen und sagen: `hier für die Hydranten habe ich einen Businessplan, ich nutze die Struktur und es ist auch schon rechtlich abgesichert. ´ Man muss die potentiellen Partner immer mit in die Entwicklung einbeziehen. Wenn man das macht, haben die Konzepte eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, umgesetzt zu werden.“
Im Nachgang des Projektes konnten die Initiatoren auch feststellen, dass sich die Studierenden weiter mit der Thematik befassten. Dazu Kalweit: „Wir haben Studierende, die sind mit ihren Projekten zum Wuppertal Institut gegangen, weil sie da ihr Anschlussprojekt gefunden haben. Eine andere Studentin hat ein Ausstellungskonzept zur Aufklärung von Randproblemen entwickelt und ist damit in den sozialen Bereich gegangen, weil sie das wahnsinnig interessiert.“

Wieder im Netz der Gesellschaft mitmachen


Die mehrmonatige Arbeit des Kooperationsteams hat alle Beteiligten auch persönlich verändert. „Erst wenn ich hingucke, merke ich auf einmal, ich werde mit Sachen konfrontiert, die mich unsicher machen und auf die ich nicht zu reagieren weiß“, sagt Kalweit abschließend. „Durch diesen langen Dialog über mehrere Monate, haben wir die Möglichkeit eines Zugangs bekommen. Und der war gar nicht so schwer und sehr vertrauensvoll. Wir durften acht Personengruppen von Prostituieren, über Obdachlose Suchkranke und Flüchtlinge begleiten. Die waren sehr froh, dass sie mit ihrer Aufgabe wieder im Netz der Gesellschaft mitmachen konnten.
Die engagierten Designkonzepte für bedürftige Menschen sind ein erster Schritt, Randgruppen gesellschaftlich wieder zu integrieren. Die entstandene Dokumentation stellt für Stadtplaner und Unternehmen eine interessante Ressource dar.

Uwe Blass (Gespräch vom 30.09.2020)


Andreas Kalweit studierte nach einer Betriebsschlosser-Lehre Maschinenbau an der Hochschule Niederrhein, anschließend Industrial Design an der Universität GH Essen und schloss beide Studiengänge mit dem Diplom ab (Maschinenbau mit Auszeichnung). Seit 2012 ist er Professor für »Manufacturing & Material Science - Schwerpunkt Konstruktionstechnik und -systematik im Design« an der Bergischen Universität Wuppertal.