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Mitschnitt des Impulsvortrags vom Bergischen Innovations- und Bildungskongress am 20.11.17 in Remscheid

Prof. Dr. Christine Volkmann / Unternehmensgründung u. Wirtschaftsentwicklung
Foto: UniService Transfer


„Gründungsinteressierte Studierende benötigen Unterstützung.“

Prof. Dr. Christine Volkmann lehrt und forscht zu nachhaltigen Unternehmensgründungen an der Bergischen Universität.

Gebäude M, Ebene 13, an der Bergischen Universität. Die Wissenschaftstransferstelle trifft die Leiterin des Lehrstuhls Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung & UNESCO-Lehrstuhlinhaberin für Entrepreneurship und Interkulturelles Management der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft an der Schumpeter School of Business and Economics, Professorin Dr. Christine Volkmann in ihrem Büro.

Laut einer Studie der OECD von 2014 liegt Deutschland mit einem Anteil an Selbständigen von 11 % noch weit hinter Spanien und Griechenland zurück. Da stellt sich unwillkürlich die Frage, warum Deutschland, trotz seiner wirtschaftlichen Stärke, im Vergleich zu diesen Ländern so schlecht abschneidet?

Für Professorin Volkmann sind die Ergebnisse der Studie nicht überraschend. Denn in südeuropäischen Ländern mit niedrigen Pro-Kopf-Einkommen und hoher Arbeitslosigkeit besteht häufig eine Notwendigkeit sich selbständig zu machen, um zu überleben. Aber nicht jeder Selbständige ist auch Unternehmensgründer. Daher sieht sie die rein eindimensionale quantitative Aussage im Hinblick auf die Bildung von Rankings durchaus kritisch: „Eine hohe Gründungsquote sagt noch nichts über das Wachstumspotential und die Qualität der Gründungen in einem Land aus“. Wenn wir uns die Länder Griechenland und Spanien anschauen, dann haben wir dort sicher sehr viele Gründungen, aber es sind in erster Linie Klein- und Kleinstgründungen.“ Viele ergänzende Informationen über die Gründungen, so z.B. über die Innovationsstärke, die Skalierbarkeit und die Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle sind wichtig, um das Gründungsgeschehen in einem Land fundiert beurteilen zu können. In diesem Kontext sollte auch die in den letzten Jahren konstante bis leicht rückläufige Anzahl an Gründungen in Deutschland keinen Anlass zur Sorge geben. Dabei ist es ihr wichtig zu berücksichtigen, „dass in der aktuell guten konjunkturellen Lage, in der Arbeitskräfte gesucht werden, die Anzahl an Gründungen tendenziell zurückgeht. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten entlassen Unternehmen eher Beschäftigte, von denen einige dann im Rahmen einer beruflichen Neuorientierung gründen“. Unternehmensgründungen mit innovativen Geschäftsmodellen haben häufig auch Wachstumspotential, und wenn sie einmal fehlschlagen, dann liegt es selten am Geschäftsmodell, sondern eher an anderen Ursachen, z.B. am Faktor Mensch. „Teamschwierigkeiten“, betont sie, „sind ein häufiger Grund des Scheiterns“.

Volkmann legt Wert darauf, dass fast alle über EXIST (Förderprogramm des Ministeriums für Wirtschaft und Energie für Gründerinnen und Gründer aus Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen) geförderten Ausgründungen der Bergischen Universität stetig gewachsen sind. Sie wünscht sich für Studierende sowie angehende junge Gründer mehr Möglichkeiten, um sich auszuprobieren und unterstützt aus diesem Grund auch die ENACTUS-Initiative**. In diesem Wettbewerb von Hochschulen entwickeln Studierende interdisziplinär eigene Geschäftsideen, die wirtschaftlich tragfähig sein sollen, aber auch einen sozialen bzw. gesellschaftlichen Mehrwert bieten. „Die Studierenden lernen schon frühzeitig kreativ in Teams zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und ihre Gründungsprojekte vor einer erfahrenen Jury zu präsentieren“, freut sich die Wissenschaftlerin. 2018 ist Wuppertal zum zweiten Mal Gastgeber des nationalen ENACTUS-Wettbewerbs.

In diesem Kontext wünscht sie sich auch einen Ort für Studierende, in dem es einen Raum für Kreativität und Experimente gibt. Dabei geht es ihr konkret um die Schaffung eines Inkubators bzw. Innovationslabors als Schnittstelle zwischen Universität und den Gründerzentren in der Region (bspw. dem W-Tec). Und ebenda würde sie sich auch freuen, wenn es gelingen könnte, erfahrene Unternehmer mit gründungsinteressierten Studierenden zusammenzubringen.

„Gründungsinteressierte Studierende benötigen Unterstützung.“

Daher plädiert die Professorin für experimentelle Projekte, die von etablierten Unternehmen gecoacht werden. „Erfahrene Unternehmer könnten potenziellen Gründern schon im Entstehen des Geschäftsmodells begleiten und sie durch wertvolles Know-how unterstützen“. Die engagierte Wissenschaftlerin weiß, dass ihr Lehrstuhl zwar theoretisches Wissen vermitteln kann. Weiterhin können sie und ihre Mitarbeiter Methoden und Konzepte empfehlen oder mit Modellen und Systematiken helfen. Sie resümiert jedoch: „Als Mentoren sind die Unternehmer für die Startups in der Regel glaubwürdiger, denn sie haben eigene Geschäftsmodelle entwickelt und Gründungserfahrung! Sie haben die Probleme für Ihr Unternehmen bereits gelöst.“

Überzeugungsarbeit ist gefragt, und so wünscht sie sich noch mehr Veranstaltungen, wo Netzwerkpartner und Gründer mit etablierten Unternehmen zusammengebracht werden, denn durch das Feedback, das sie von den Gründern erhält, stellt sie fest: „Startups fühlen sich oft alleingelassen.“ Vielleicht wäre die Schaffung einer Plattform, sei es ein Inkubator oder ein Innovationshub, in der diese Begegnungen stattfinden könnten, ein erster Schritt und damit zugleich eine schöne Kooperation zwischen dem Lehrstuhl und der Wissenschaftstransferstelle.

„Erst einmal könnte er/sie bei uns studieren.“

Wie sollte ein gründungsinteressierter Newcomer vorgehen?

Professorin Volkmann denkt da nicht lange nach und antwortet direkt: „Erst einmal könnte er/sie bei uns studieren. Wir haben in der Schumpeter School of Business and Economics eine hervorragende Ausbildung. Ein Schwerpunkt der Lehre und Forschung liegt in den Bereichen Innovation, Unternehmertum und wirtschaftlicher Wandel. Diese Ausrichtung steht im Einklang mit einer der Profillinien der Bergischen Universität. „Wir bieten in diesen Bereichen viele Optionen für Studierende, sowohl im Bachelor- als auch Masterstudium an. Im Jackstädtzentrum für Unternehmertums- und Innovationsforschung besteht darüber hinaus die Möglichkeit, die Themen in der Forschung zu vertiefen.“

Wuppertal als Standort erweist sich zudem für Gründungen vorteilhaft, wie eine empirische Untersuchung einer ihrer Doktorandinnen kürzlich nachgewiesen hat. Ein Standortvergleich ergab, dass Wuppertal aufgrund der gezielten Förderung vor Ort sowie der umfangreichen Zusammenarbeit der Akteure des unternehmerischen Ökosystems ein guter Standort für nachhaltige Unternehmensgründungen ist.

„Bildung kann einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung von unternehmerischen Ökosystemen leisten“

Zudem ist es ein Herzensanliegen von Professorin Volkmann, die Arbeit der UNESCO zu unterstützen. Als ausgezeichneter UNESCO-Lehrstuhl für Entrepreneurship und interkulturelles Management bietet der Lehrstuhl die Möglichkeit, in internationalen UNESCO-Netzwerken und Projekten mitzuwirken. Den Rahmen für diese Tätigkeiten bilden stets die United Nations Sustainable Development Goals (SDG’s), an deren Erreichung der Lehrstuhl mitwirken möchte. In diesem Sinne ist es ihr wichtig hervorzuheben: „Nachhaltiges, soziales und kulturelles Unternehmertum können einen wesentlichen Beitrag zur verantwortungsvollen und tragfähigen, wirtschaftlichen Entwicklung einer Region leisten“. Die universitäre Bildung im Kontext von Unternehmertum nimmt hierbei insbesondere auch unter interkulturellen Aspekten eine Schlüsselrolle ein. In diesem Zusammenhang arbeitet der Lehrstuhl aktiv an internationalen Kooperationen mit klarem Nachhaltigkeitsbezug. Ein aktuelles Beispiel in diesem Zusammenhang ist eine für den Sommer 2018 geplante Exkursion mit Studierenden nach Südafrika zum Thema soziales Unternehmertum in Kooperation mit lokalen Partnern in Stellenbosch.

Digitale Start-ups – die junge Generation findet Gründungen hip

Unermüdlich setzt sie sich seit nunmehr fast zehn Jahren an der Bergischen Universität für Start-ups ein und erkennt in den Digitalen Gründungen auch die Zeichen der Zeit. Auf dem letzten Bergischen Innovations- und Bildungskongress hat sie kürzlich einen Impulsvortrag zum Thema „Unternehmerische Ökosysteme im Kontext der Digitalen Transformation im Bergischen Land“ gehalten.

Einen Digitalisierungslehrstuhl wird es geben, um die Kompetenzen der Region zu stärken, denn das Medium ist jung. Der erste Lehrstuhl dieser Art wurde 2015 in Potsdam eingerichtet, den Master in Wirtschaftsinformatik und Digitale Transformation kann man bereits jetzt dort studieren. „Uns fehlen nach dem jüngst veröffentlichten Hochschul-Bildungs-Report 95.000 Datenspezialisten und 24.000 Lehrer an Schulen für das Pflichtfach Informatik“, sagt sie und fügt hinzu, „das ist das, woran wir arbeiten müssen. Wir sind im Vergleich zu den USA relativ spät auf diesen Zug aufgesprungen, aber es ist nicht zu spät. Wir haben auch mit den Entrepreneurship-Lehrstühlen erst Ende der 90er Jahre begonnen und im internationalen Vergleich enorm aufgeholt. Die junge Generation hat eine positive Einstellung zum Unternehmertum und zur Digitalisierung. Sie finden Gründungen hip. Früher war schon die Lehre anders ausgerichtet. In den Lehrveranstaltungen wurden Großunternehmen, aber keine Start-ups behandelt. Dies hat sich grundlegend gewandelt.“

Unternehmensgründungen werden wertgeschätzt. Jungunternehmer haben Freude an Selbstverantwortung und der Realisierung eigener Ideen. Und selbst ein Scheitern hat in weiten Teilen der Bevölkerung keine gesellschaftliche Ächtung mehr zur Folge. „Wenn es nicht klappt“, sagt sie, „dann war es wenigstens ein Versuch, der beim zweiten Mal dann vielleicht auch gelingt!“

Der englische Philosoph und Historiker Theodore Zeldin ist davon überzeugt, dass das gute Gespräch die Welt verändern kann. Dazu sagt er: „Wir müssen reden, um mehr über unsere Mitmenschen zu erfahren und mehr über uns selbst. Wir müssen reden, um in einer unsicheren, unübersichtlichen Zeit, in der alle privaten und gesellschaftlichen Prozesse sich ständig bis an die Grenze des Erträglichen beschleunigen, Ruhe zu gewinnen, Ruhe zum Nachdenken, zum Überdenken, zur Annäherung an andere und uns selbst.“

Wenn man aus einem Gespräch anders herauskommt, als man hineingegangen ist, kann man sicher sein, dass es ein gutes Gespräch war.

DAS war ein gutes Gespräch.

Uwe Blass (Gespräch vom 22.11.2017)

** Ziel der globalen Studierendenorganisation ENACTUS ist es, theoretisches Wissen aus der Universität praktisch umzusetzen, indem sie eigenverantwortlich an Projekten arbeiten.



Prof. Dr. Christine K. Volkmann studierte Betriebswirtschaftslehre an der Justus- Liebig-Universität in Gießen. Sie promovierte im Bereich Unternehmensplanung bei Prof. Dr. Dietger Hahn. Praxiserfahrung sammelte sie in der strategischen Konzernentwicklung. In 2008 übernahm sie die Leitung des Lehrstuhls für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung an der Schumpeter School of Business and Economics der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2010 ist sie an der BUW Inhaberin des UNESCO-Lehrstuhls für Entrepreneurship und Interkulturelles Management.