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Prof. Dr. phil. Thomas Erlach / Musikdidaktik
Foto: UniService Transfer

 

Die Jesuiten als Wegbereiter einer organisierten Musikerziehung

Prof. Dr. Thomas Erlach und das Musiktheaterarchiv für Kinder und Jugendliche

Eine fundierte Ausbildung der Musiklehrkräfte ist für ihn das wichtigste Kriterium, um den Musikunterricht langfristig an den Schulen zu sichern. „Man darf Kinder nicht Menschen ausliefern, die das nicht richtig gelernt haben“, sagt Erlach und weist auf den Missstand hin, dass ein Großteil des Musikunterrichts – vor allem an den Grundschulen – von fachfremden Lehrkräften erteilt wird. Mit dem Musiktheaterarchiv für Kinder und Jugendliche an der Bergischen Universität hat er bereits einen wichtigen Schritt eingeleitet, um diesem Problem entgegenzutreten.

Im Rahmen seiner Berufung „erbte“ er sozusagen das Musiktheaterarchiv des emeritierten Münsteraner Germanisten und Theaterexperten Prof. Dr. Gunter Reiß, das er seither fortführt.

„Die meisten Menschen kennen zwar die Oper, die Operette oder Musicals“, doch Professor Erlach weist darauf hin, dass es eine spezielle Sparte gibt, die ausschließlich für Kinder und Jugendliche gedacht ist. Stücke, die von Kindern aufgeführt werden können und Stücke, die für Kinder geschrieben wurden. In den Regalen seines Archivs stehen rund 1500 Partituren, die – meist von den Verlagen – als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt wurden. Und die soll man benutzen. Der Wuppertaler Musikdidaktiker weiß, dass an sämtlichen Schulen viele Theaterprojekte durchgeführt werden. Daher will er ein Netzwerk aufbauen, will erfahren, was in Projekten gemacht wird, um dann die Lehrkräfte sinnvoll zu beraten. Sein Musiktheaterarchiv beinhaltet bereits eine Archiv-Datenbank, in der jeder Interessierte nach Stücken Ausschau halten kann. Damit das Material immer aktuell bleibt, weitet er die Kontakte zu den Verlagen aus und lädt auch gerne in das Domizil des Archivs in die Bendahler Straße ein; denn die Lehrerinnen und Lehrer sollen vor Ort recherchieren und am Klavier Partituren ausprobieren können. Mit dieser ganz besonderen Transferleistung unterstützt Erlach die ausgebildeten Musiklehrkräfte, kann individuell auf Schulform, Schülerklientel und Gruppengröße eingehen und langfristig Nachhaltigkeit erzeugen. Denn darum geht es ihm. Schon in seiner Antrittsvorlesung unter dem Titel „Musiktheaterpädagogik an der Bergischen Universität – Ziele und Aufgaben“ formulierte er deutlich, dass die Lehrkräfte, die an der Universität studiert haben, Erlerntes selbständig übernehmen sollen.

Die künstlerische Persönlichkeit wird entwickelt

Die Musiklehrerbildung beruht auf drei Säulen: der Fachwissenschaft, der Fachdidaktik und der Fachpraxis. Die Studierenden lernen auch Gesang und ein Instrument. Das ist der Bereich des Studiums, der am stärksten individualisiert ist, in dem auch Einzelunterricht erteilt wird. In dieser 1:1-Betreuung kann sich eine künstlerische Persönlichkeit entwickeln. Das ist etwas, so betont Erlach, „was Musik von allen anderen Lehramtsfächern unterscheidet!“

Ein großer Teil der Musikstudierenden kommt nicht von der klassischen, sondern eher von der populären Schiene, und auch da gilt es zu überlegen, wie gefördert wird.

Kinder sollen nach Erlachs Wunsch Musik in ihrer Vielfalt kennenlernen. Deshalb achtet er darauf, dass die Studierenden im Laufe des Studiums viele Arten von Musik zu hören bekommen, damit die Unvoreingenommenheit der Kinder in ihrer frühen Phase – jeder Musik gegenüber – genutzt wird. So erhalten langfristig auch Genres wie z.B. die klassische Kunstmusik wieder mehr Raum.

Das Prinzip dazu ist für ihn ganz einfach: „Bei uns ist es nicht nur wichtig, dass man musiziert und singt, sondern dass man auch in der Lage ist, das, was man da tut, zu erklären.“

Professor Erlach weiß, wovon er spricht. Nach einem Lehramtsstudium mit den Fächern Latein, Katholische Theologie und Musik absolvierte er sein Referendariat in Ratingen. 2005 promovierte er mit einer Arbeit zur „Unterhaltung und Belehrung im Jesuitentheater um 1700“, einem Thema, das sich als Schnittstelle aus seinen Studienfächern ergab. Dazu recherchierte er in Wien und München, grub lateinische Handschriften aus, übersetzte und edierte diese und fand zusätzlich umfangreiches Notenmaterial, welches er auch mit ins Archiv einbrachte.

„Im Grunde genommen ist das Jesuitendrama auch Teil dieses Archivs, weil die Jesuitentheaterstücke auch Musiktheater für Kinder und Jugendliche sind, nur eben ältere Vorformen. Die Jesuiten hatten im 16. und 17. Jahrhundert eine Art Bildungsmonopol im katholischen Europa, waren also der führende Orden, der eine Verbindung aus Gymnasium und Grundstudium betrieben hat.“

Zu den Studien der Jesuiten gehörte es, dass Tragödien und Komödien von Schülern einstudiert und aufgeführt wurden. Die Schüler mussten Texte auswendig lernen, spielen, singen; und das alles in Latein. Anfangs gab es eine gewisse Skepsis gegenüber der Musik, die sich aus sehr langen theologischen Zusammenhängen herleitete, da man meinte, Musik sei zu sinnlich. Aber der Jesuitenorden hat dann doch die Musik so geschickt eingesetzt, dass die pädagogischen Botschaften mit den entsprechenden Rhythmen und Melodien transportiert wurden, die man sich gut einprägen konnte.

Und um die Komödien im Katholizismus überhaupt spielen zu können, nutzte man die Karnevalszeit. Da wurden dann z.B. Götterversammlungen parodiert, ähnlich wie später in Offenbachs Operetten. Die Jesuiten kannten schon damals sämtliche dramaturgische Tricks. „Es gab auch Theatertheoretiker bei den Jesuiten“, erklärt Erlach und zeigt ein Buch von Franciscus Lang, aus dem Jahre 1727 mit dem Titel „Abhandlung über die Schauspielkunst“. Darin wird den Lehrkräften, die die Stücke für die Schüler schreiben mussten, erklärt, wie eine Tragödie vernünftig aufgebaut, verständlich geschrieben wird und beim Publikum gut ankommt. „Und vieles von dem, was Lang geschrieben hat“, betont er, „gilt heute immer noch.“ So reichen die Anfänge einer organisierten Musikerziehung bereits bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurück und wirken bis heute nach.

Musik ist sedimentierter Geist (Adorno)

Erlach, der nach eigenen Angaben früher auch einmal ins Kloster gehen wollte, beschäftigt sich gerne mit übergeordneten Fragen der musikalischen Bildungsforschung, also Themen wie Musik und Religion oder Musik und Sprache. Dabei zitiert er Adorno mit den Worten „das musikalische Material ist sedimentierter Geist“ und fügt hinzu, „da ist also etwas drin, was man erst rausholen muss, was sich nicht sofort erschließt (…). Und insofern ist Musik etwas, an dem man sich abarbeiten kann. … es ist erst einmal eine Anstrengung erforderlich und dann erschließt sich plötzlich ein Mehrwert, denn ich hätte etwas nie entdeckt, wenn ich mich nicht länger damit beschäftigt hätte. Das ist die erzieherische Qualität, die in der Musik steckt.“

Bei all der pädagogischen Arbeit ist der gelernte Organist trotzdem auch immer Musiker geblieben. Einen Tipp für künftige Lehrer hat er dann auch noch zum Abschluss: „Höre nicht auf, auch Musiker zu sein. Also, neben der professionellen Lehrtätigkeit, muss man aus dem Studium mitnehmen, dass man auch Musik betreibt, ohne an Pädagogik zu denken. Einfach, weil es schön ist.“

Uwe Blass (Gespräch vom 28.07.2017)


Im Rahmen der Ü-55-Forschertage spricht Prof. Dr. Erlach am Donnerstag, 14. September um 15.15 Uhr, Kurs 19, zum Thema: Musiktheaterpädagogik an der Bergischen Universität – Aufgaben und Ziele. Kostenfreie Anmeldung unter www.wuppertal-live.de

Das Musiktheaterarchiv ist unter folgendem Link zu finden: www.musik.uni-wuppertal.de/musiktheater-archiv.html

Geboren 1970 in Arnsberg, 1989 Abitur am dortigen Gymnasium Laurentianum. Studium der Fächer Latein, Kath. Theologie und Musik für Lehramt an Gymnasien. Referendariat in Ratingen. 2005 Promotion im Fach Musikpädagogik an der Universität Dortmund mit einer Arbeit zu "Unterhaltung und Belehrung im Jesuitentheater um 1700". 2005-2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dortmund. Seit 21.11.2014 Universitätsprofessor für Didaktik der Musik an der BUW.